Meine Reise zu den verlassenen Hunden...

Griechenland, Kozani, Alexia, Mavropigi, die verlassenen Hunde von Mavropigi, die letzten sich selbst überlassenen Bewohner der Ruinen, die einst Häuser eines hübschen kleinen griechischen Dorfes in Nord-Makedonien waren und durch den Kohleabbau vollständig verlassen, teils ganz abgerissen bis auf die Grundmauern, teils zur Hälfte abgerissen sind.

Zerfallene Ruinen, die vom einstigen Leben im Dorf zeugen und die jetzt von den Hunden bewacht werden und ihnen mehr oder weniger als Zuflucht dienen.

Meist stehen nur noch ein paar Wände, keine Türen, keine Fenster, keine Dächer mehr, die die Hunde vor den Widrigkeiten des Lebens Schutz bieten könnten.

Die verlassenen Hunde von Mavropigi sind den Jahreszeiten völlig schutzlos ausgeliefert. Die Menschen, die sie zurückgelassen und ihrem Schicksal überlassen haben oder sie bewusst an diesem Ort aussetzten und immer wieder aussetzen, machen sich keine Gedanken um das Überleben dieser Hunde. Die Hunde müssen tag täglich um ihr Überleben kämpfen.

Doch ein einziger Mensch sieht das anders und kümmert sich ganz alleine vor Ort um das Wohlergehen dieser armen Seelen. Alexia Hassapi, eine junge Frau aus Kozani, stellt ihr Leben in den Dienst dieser Hunde, ihrer Hunde. Ca. 50 Hunde, die täglich auf Wasser, Futter, medizinische Versorgung und menschliche Zuwendung hoffen und angewiesen sind. Hunde, die sie freudig begrüßen, wenn sie ihre Stimme hören und sich bei Alexia sicher und geborgen fühlen.

Ohne Alexia wären die Hunde von Mavropigi verloren.

Oben auf dem Berg über dem Dorf gibt es einen Naturbrunnen, von dort holt Alexia frisches Wasser in 10 l Kanistern und schleppt sie runter ins Dorf, um die Wassereimer an den einzelnen Futterplätzen zu füllen.

20 kg schwere Futtersäcke lagern im nächsten Dorf und werden von Paris, einem Freund von Alexia, mit dem Truck nach Mavropigi gebracht, da in Mavropigi selbst keine Möglichkeit ist, das Futter zu lagern.

Oder mit Glück können Freunde aus Kozani mit Alexia nach Mavropigi mit dem Auto fahren und Futter und Wasserkanister sowie Medikamente transportieren.

Alexia ist auf das Wohlwollen von Freunden angewiesen, denn sie hat keinen Führerschein und kein Auto, was sie um einiges flexibler machen würde. Sie fährt mit dem Bus von Kozani nach Mavropigi und geht den Weg zum Dorf zu Fuß hinauf.

Alexia versorgt die Hunde bei Tag und bei Nacht, bei sengender Sonne, strömendem Regen, klirrender Kälte, Eis und Schnee, Sommers wie Winters, ohne Unterbrechung.

Alexia wird in Griechenland von Chrissa Marasli, einer jungen Frau aus Athen, unterstützt. Sie hat ein ganz besonderes Verhältnis zu Mavropigi und es ist ihr eine Herzensangelegenheit, den Hunden dort zu einem guten Leben zu verhelfen. Chrissa koordiniert die Hilfe für die Mavropigi-Hunde und ist Ansprechpartner in allen Fragen rund um Spenden, Unterstützung und Vermittlung. Chrissa und Alexia liegt das Wohlergehen und das Leben der Hunde sehr am Herzen und sie tun alles dafür, um diese wunderbaren Seelen zu retten.

Meine Reise begann in Hamburg, führte über Thessaloniki nach Kozani, wo Alexia mich erwartete und weiter nach Mavropigi. Meine Eindrücke von Mavropigi waren und sind hoch emotional und beschäftigen mich unaufhörlich.

Am ersten Tag fuhren wir bei Dunkelheit nach Mavropigi Je näher wir dem Dorf kamen umso aufgeregter wurde ich. Rechts neben der Straße waren riesige Kohleabbaumienen, die die Zerstörung des Gebietes dokumentierten.

Am Anfang des langen Schotterwegs hoch ins Dorf kamen uns Smiley und Prince stürmisch wedelnd entgegen. Wir hielten an, stiegen aus und mussten erst einmal knuddeln und umarmen. Obwohl ich für die Beiden eine völlig Fremde war, hatten sie keinerlei Berührungsängste, im Gegenteil, auch ich wurde herzlich begrüßt und durfte streicheln. Nachdem wir Smiley und Prince mit Wasser und Futter versorgt hatten fuhren wir weiter im Schlepptau Smiley und Prince, die uns glücklich begleiteten.

Ein Stück weiter oben warteten schon Julie, Finley und Felix auf uns. Auch diese Drei begrüßten uns mit unaufhörlichem Schwanzwedeln und einem Lächeln im Gesicht. Wasser, Futter und Streicheleinheiten wurden verteilt und weiter ging die Fahrt in Richtung Ortseingang und ins Dorf hinein. Wir fuhren auf eine Anhöhe und sofort waren wir von einem ganzen Rudel Hunde umringt. Sie hießen uns bellend und hüpfend willkommen, in seliger Erwartung von Umarmungen, Futter und Wasser. Sie waren so aufgeregt und tanzten freudig um uns herum, konnten es kaum erwarten, dass wir ausstiegen.

Alle waren sie da, Black Pirate, Apollo, Dias, Iraklis, Lutz, Lord, Ben, Mickey, Malu, Kelly, Suna, Josie und wie sie alle heißen.  Klein, groß, jung, alt, alle wollten sie als erstes und ganz nahe bei Alexia sein.

So wie wir Futter verteilt hatten, waren alle still und fraßen einträchtig nebeneinander in einer langen Reihe.

Ich war schlicht und ergreifend überwältigt, ob der Friedfertigkeit dieser wundervollen Geschöpfe untereinander und der Freundlichkeit gegeben über uns Menschen. Nicht eine einzige Sekunde hatte ich das Gefühl die Stimmung könnte kippen und wilden Auseinandersetzungen weichen. Natürlich gibt es wie in jedem Rudel auch Rangordnungskämpfe, doch diese sind niemals bösartig.

Das dynamische Gruppenverhalten der Hunde ist ausgeprägt. Wenn ein Geräusch verdächtig erscheint und einer zu bellen anfängt und losrennt, sind alle anderen alarmiert und schließen sich an. Sogar die Kleinsten, wie die etwas schüchterne Kelly und die mutigere Suna, sind mit von der Partie und tummeln sich inmitten der Großen.

Für mich persönlich war es ein wunderbares und ergreifendes Erlebnis, meine wunderschöne, extrem ängstliche Patenhündin Josie zu sehen und ihr so nahe kommen zu können, dass sie von mir eine Kaustange aus der Hand entgegennahm. Ein absolut großartiges Glücksgefühl für mich.

Unsere Futtertour führte uns ein Stück weiter hoch auf den ehemaligen Sportplatz von Mavropigi, wo einige weitere Hunde schon auf uns warteten. Auf der Weide nebenan stehen auch zwei Pferde, die hier ausgesetzt wurden.

Auf unserem Rückweg fuhren wir zwei weitere Futterstellen im Dorf an, immer begleitet von einigen Hunden. Am unteren Ende des Dorfes wartete noch eine schwarze Mamahündin mit ihren drei Welpen auf uns. Die Welpen waren sehr scheu und versteckten sich, die Mama aber kam sofort angelaufen und war sehr zutraulich. Nachdem auch diese Vier mit allem versorgt waren, fuhren wir müde aber zufrieden zurück nach Kozani.

Die nächsten Tage fuhren wir bei Tageslicht nach Mavropigi und ich konnte das ganze Ausmaß der Zerstörung durch den Menschen sehen. Die riesigen Mienenfelder und die zerstörten Häuser bzw. die komplett leeren Flächen wo früher einmal das Dorf war.  

Am zweiten Tag bekamen die Hunde Spot-on-Präparate ins Fell und diejenigen, die noch keine Halsbänder hatten bekamen welche angelegt. Bei dieser Fütterungstour fanden wir eine ca. 2 Jahre alte, frisch ausgesetzte Hündin, Rasse Deutscher Schäferhund, mit einer offenen Verletzung am Hinterbein. Sie war total ausgehungert und verschlang gierig das angebotene Futter und Wasser. Sie ließ sich bereitwillig von Alexia ein Antibiotikaspray auf die offenen Wunden auftragen. Sie war so menschenbezogen und folgte uns bis zum Ende des Schotterweges aus dem Dorf in Richtung Landstraße, sie wollte unbedingt mit uns kommen. Ob sie von den anderen Hunden in Mavropigi akzeptiert und ins Rudel aufgenommen wird, muss sich zeigen.

Auf dem Weg von Mavropigi zurück nach Kozani haben wir eines Nachts eine tote Katze von der Straße gekratzt und sie ins Gras neben der Straße gebettet.

Streunende Hunde und Katzen sind überall, auf allen Wegen und in jeder Straße zu finden. Niemand kümmert sich darum. Sie fristen ein unsäglich erbärmliches Leben und kämpfen jede Sekunde ums nackte Überleben. Tiere sind in Griechenland nichts wert.

Mein Kopf war voll mit den unterschiedlichsten Eindrücken und Bildern und in meinem Inneren tobte ein Sturm der Gefühle. Ich fragte mich, wie sollen diese Hunde den nahenden Winter, mit Temperaturen bis -20°C überleben? Ohne Schutzhütten und ohne sichere, trockene Unterstände? Wie den nächsten Sommer überleben, bei bis zu +40°C?

In Mavropigi gibt es weder Strom noch Wasser, keine intakten Häuser, nur Schutt und Müll. Wie soll die Zukunft dieser wundervollen Hunde aussehen? Gibt es überhaupt eine Zukunft für sie?

Mavropigi wird dem Erdboden gleichgemacht, es kann sich nur noch um eine absehbare Zeit handeln. Der Kohleabbau ist wichtiger als die Tiere. Aber wohin mit den Hunden? Wie lange noch wird Mavropigi das Zuhause dieser Hunde sein?

Alexia ist ein Engel für die Hunde, sie tut was sie kann, doch sie kann es nicht alleine schaffen, sie benötigt dringend Hilfe und Unterstützung vor Ort. Manpower, Futter, Boxen, Unterstände, Geld für medizinische Versorgung, Kastrationen, Impfungen, Chip-Registrierungen etc. Noch sind nicht alle Hunde in Mavropigi kastriert, da einige zu scheu und ängstlich sind und das Einfangen sich sehr schwierig gestaltet. Der Tierarzt aus Kozani kommt zwar sporadisch, wenn Alexia darum bittet zu Impfaktionen in das Dorf, ansonsten müssen die Hunde eingefangen und nach Kozani transportiert werden und das ist eine wahre Herkulesaufgabe.

BITTE, BITTE, BITTE helft Chrissa, Alexia und den Hunden von Mavropigi! Wenn es Euch möglich ist, fahrt hin und besucht Alexia und Mavropigi und schaut Euch mit eigenen Augen die Verhältnisse vor Ort an. Es ist ein ergreifendes Erlebnis, das Euch sicher nicht mehr loslassen wird.

Ich bin bitterlich weinend, ob meiner Ohnmacht mehr tun zu können, wieder weggefahren, doch ich habe mir geschworen, ich werde wiederkommen. Ich werde Alexia und die Hunde von Mavropigi wieder besuchen und sie weiterhin im Rahmen meiner Möglichkeiten unterstützen.

Die Hunde sind mir sehr ans Herz gewachsen und ich fühle mich verantwortlich für Ihr Leben und ihr Wohlergehen.

Auch Alexia gegenüber fühle ich mich verantwortlich und werde sie unterstützen so gut ich kann. Chrissa und Alexia sind mir zwei sehr gute Freundinnen geworden, die ich nicht mehr missen möchte.

Nicht alle von Euch wissen vielleicht, dass Alexia neben ihrem Vollzeitjob und der Versorgung der Mavropigi-Hunde auch noch ca. 10 Streunerkatzen von der Straße gerettet und bei sich zuhause aufgenommen hat und versorgt. Wundervolle Samtpfoten, die sie alleine und aus eigenen Mitteln aufpäppelt und umsorgt. Ich durfte bei Alexia meinen wunderschönen Patenkater Agorakos kennenlernen und auch all die anderen wie Xanthoulis, Mikroulis, Tsaperdona, Anni, Margareta, Miu-Miu, Mika, den Neuzugang das kleine kranke Tigerchen und wie sie alle heißen. Alle herzallerliebst, einige ein wenig scheu, andere sehr zutraulich. Wundervolle Geschöpfe, die geliebt und beschützt sein möchten.

Ich wünsche mir aus tiefstem Herzen, dass alle Hunde in Mavropigi und alle Katzen bei Alexia einen lieben Paten und ein liebevolles Für-immer-Zuhause bekommen. Sie haben es alle so sehr verdient, geliebt und beschützt in einer liebevollen Familie ihr Leben in vollen Zügen genießen zu dürfen.

Ich verneige mich in tiefer Demut vor Chrissa und Alexia, diese beiden Frauen haben meinen allergrößten Respekt und meine Hochachtung.

BITTE vergesst die verlassenen Hunde von Mavropigi nicht!

 

Herzliche Grüße,

Martina Schmidt